Meinungsmontag von Dennis Majewski

Deutschland, so sagt man, ist (oder war?) ein Land der Dichter und Denker. In jüngerer Zeit arbeiten vor allem die Freien Demokraten darauf hin, dass es zudem auch ein Land der „Tüftler und Lenker“ wird. Ungeachtet dessen, darf wohl Johann Wolfang („Mehr Licht [… hier so schlecht.]“) Goethe zu einem der größten Dichter und Denker gerechnet werden. Nicht nur den Musenfreunden und geplagten Schülergenerationen dürfte der Literat, Naturwissenschaftler und Staatsmann ein Begriff sein. Wohlgeformte, tiefgründige und bedeutungsschwangere Lyrik wie etwa „Unendlich ist das Werk, das zu vollführen // Die Seele dringt.“ (Iphigenie auf Tauris, 2. Aufzug, 1. Auftritt) oder „Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken.“ (Götz von Berlichingen, Dritter Akt) schenkte uns der Dichterfürst.
Aber mit „Der Worte sind genug gewechselt, // Laßt mich auch endlich Taten sehn“ (Faust I, Vorspiel auf dem Theater) verlassen wir nun den Prolog und kommen zu des Pudels Kern. Die Jungen Liberalen wollen nicht nur für die Freiheit streiten und dem Menschrecht den Weg bereiten, sondern ergehen sich mit Vorliebe in leidenschaftlicher programmatischer Arbeit. Im Gegensatz zur längsten Theke Deutschlands (Junge Union), steht in den Kreis- und Landesverbänden der JuLis in der Regel der argumentative Wettstreit im Vordergrund (was nur oberflächlich einen Gegensatz zu ausgelassener Geselligkeit bilden mag). Dabei haben die engagierten Mitglieder oft sehr klare Vorstellungen von dem, was liberal ist. Hier geht es oft um schwarz oder weiß, klein oder groß, links oder rechts, oben oder unten, Waldeck oder Frankenberg. Dazwischen kennt man – außer Vöhl – meistens wenig. Maximalforderungen und „reine Lehre“ reichen sich freundschaftlich die Hand. Diesen Anspruch trägt die oder der engagierte Jungliberale dann nur zu gern in die Mutterpartei. Dies mag noch begründet sein, wenn man (eingedenk der Worte eines ehemaligen kurhessischen Bezirksvorsitzenden folgend) in der FDP die Ansprüche um 90 % zurückschrauben muss. Spätestens aber, wenn die Wählerinnen und Wähler (die es bekanntlich immer gut und immer richtig machen [H. Heidel]) die Freien Demokraten in Regierungsverantwortung bringen, stoßen diese Ansprüche an ihre Grenzen. Dann nämlich wird die Büchse der Pandora geöffnet, die die Schreckgespenster der Realpolitik, des Kompromisses und der Fraktionsdisziplin entweichen lässt. Doch auch hier weiß der olle Johnny-Wolle Gothe die geschundene jungliberale Seele zu heilen: „Der wahre Liberale sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, soviel Gutes zu bewirken, als er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorschreiten die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln zugleich oft ebensoviel Gutes mit zu verderben. Er begnügt sich in dieser stets unvollkommenen Welt so lange mit dem Guten, bis ihn, das Bessere zu erreichen, Zeit und Umstände begünstigen.“
Derzeit regieren Freie Demokraten im Bund wieder mit und können mit den ihr zu Gebote stehenden Schlüsselressorts Finanzen, Bildung und Wissenschaft, Digitales und Verkehr so viel Gutes bewirken, als es nur geht. Aber so, wie zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft wieder 80 Millionen Deutsche über Nacht zum besseren Bundestrainer werden, so mutiert die Partei der Freigeister mit Vereidigung des Bundeskabinetts zu einer Partei von 77.000 (Stand Dez. 2021) besseren Bundeskanzlern. Gefragt oder ungefragt, werden dann in aller Öffentlichkeit Ratschläge nach Berlin ausgeteilt und „Feuer und Schwert“ gefordert. Damit aber lässt sich kein Staat machen. Eine Partei, die den Anspruch hat, der Freiheit eine Gasse zu schlagen, muss wissen, wann sie die Umstände begünstigen, um das Bessere zu erreichen. Insbesondere, wenn man der kleinste Koalitionspartner ist. Derweil bleibt – in dieser stets unvollkommenen Welt – ja immer noch das Gute. Und vielleicht schadet es hin und wieder auch nicht, durch Konsensfindung, Kompromisse und Kuhhandel, eigene Positionen zu räumen, wenn dadurch ein höheres Ziel erreicht werden kann. Denn – und das wusste natürlich auch der Dichter und Denker Goethe schon –: „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ (Faust I, Prolog im Himmel).

Dennis Majewski
(Kreisvorsitzender 2004 – 2006, Stellv. Landesvorsitzender 2006 – 2009)