Classix: Liberallala – Reinhard C. Schulz (2008)

Während ich gemütlich im Bistro sitze, erreicht mich eine SMS von Dennis, meinem Intellekt schmeichelnd, fragt er mich, ob ich eine Kolumne fürs Mitgliedermagazin schreiben will. Wann hat mir in dieser Partei das letzte Mal jemand geschmeichelt? Wann habe ich denn eigentlich die letzte Kolumne geschrieben? Früher war das einfach, ein Bestiarium oder eine Glosse über einen Vorstandskollegen, heute würde ich mich das gar nicht mehr trauen. Oder eine Kolumne über die in Deutschland auch heute noch gestattete Unsitte, dass Bankenvertreter in Aufsichtsräten konkurrierender Firmen sitzen (damals wurde uns bei der Deutschen Bank ein Besuchstermin abgesagt, bevor alle Mitglieder die Zeitung hatten). Soll ich heute mich über die Standhaftigkeit der FDP, die Geschlossenheit des Landesverbandes oder über die wachsende Unruhe in der Mitgliederschaft über die Frage: „Wie geht es denn weiter?“ auslassen? Kommentare von Zeitungen kommentieren, die sauer auf die FDP sind, weil sie keine Ampel macht? Den Damen und Herren von der HNA sei gesagt, uns immer wieder als Telefonzellen-Partei zu bezeichnen, spricht eher von einem guten Gedächtnis als von Realitätssinn. Haben wir doch heute mehr Ortsverbände als die Telekom Telefonzellen und wenn man ehrlich ist, wann wurde das Schild „Fasse dich kurz“ von einem Liberalen je eingehalten? Ich könnte auch was über Guido sagen, seine Medienpräsenz, seine mitreißenden Parteitagsreden und sein Hang zur Alleinvertretung in Tradition von Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl. Oder über unseren Ober-Juli Lasse, der äußerst liebenswert agil sich am Messerritt zwischen der Jugendorganisation zustehendem Angriff auf die Mutterpartei und konstruktiver Kritik abarbeitet. Wie ist das denn mit Kritik bei Liberalen? Hat doch schon Botho Strauß über das Kritisieren formuliert: „Der Liberale sei dann nicht mehr liberal durch sich selbst, sondern als ständig sich proklamierender Widersprecher des Antiliberalen…“ Natürlich kann ich auch den heute immer wieder von den Falschen zitierten Spruch von Adorno als Leitfaden nehmen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Nein, ne Kolumne schreib ich nicht!